Aus: "Der letzte Messias"
Dass eine Art durch die Überentwicklung einer einzelnen Fähigkeit lebensuntüchtig wird, ist eine Tragödie, die nicht nur den Menschen getroffen hat. So meint man zum Beispiel zu wissen, dass gewisse Hirsche in paläontologischer Zeit untergingen, weil ihr Geweih zu gross geworden war…
Hätte der Riesenhirsch in passenden Abständen die äussersten Spitzen seines Geweihs abgebrochen, wäre ihm vielleicht noch eine gewisse Zeit vergönnt gewesen. Zwar sicher fiebernd und unter ständigem Schmerz, im Verrat an seiner zentralen Idee, an dem Kern seiner Eigentümlichkeit, war er doch durch die Schöpfung zum Geweihträger unter den Tieren der Erde berufen. Was er an verlängertem Dasein gewonnen hätte, wäre an Sinn, an Lebenserhöhung verloren, eine Fortsetzung ohne Hoffnung also, ein Drängen nicht hinauf der Bestätigung entgegen, sondern über die dauernd sich erneuernden Ruinen der Bestätigung hinaus, ein selbstzerstörerischer Wettlauf mit dem heiligen Willen des Blutes.
Die Identität von Lebensziel und Untergang ist, sowohl für den Menschen wie für den Riesenhirsch, das tragische Paradox des Lebens. In hingebender Bejahung trug der letzte cervus giganticus das Kennzeichen seines Geschlechts weiter bis zum Sturz. Der Mensch rettet sich und existiert weiter. – Er vollzieht, um einen gängigen Ausdruck in erweiterter Bedeutung zu benützen, eine mehr oder weniger bewusste Verdrängung seines schädlichen Bewusstseinsüberschusses. Dieser Prozess vollzieht sich praktisch ununterbrochen, solange wir wach und wirksam sind, und er ist die Voraussetzung für soziale Anpassung und überhaupt das, was gemeinhin als gesunde und normale Lebensführung bezeichnet wird.
Die Psychiatrie arbeitet noch unter der Prämisse, dass das «Gesunde» und Lebenstüchtige den höchsten persönlichen Werten gleichzusetzen sei. Depression, «Lebensangst», Nahrungsverweigerung u.a. gelten ausnahmslos als Kennzeichen eines pathologischen, kranken Zustandes und werden dementsprechend behandelt. In einer Reihe von Fällen sind diese Phänomene jedoch Ausdruck eines tieferen und unmittelbareren Empfindens des Lebens, bittere Früchte jener Genialität des Denkens und Fühlens, die die Wurzel antibiologischer Tendenz sind…
Nicht die Seele ist krank, sondern der Schutzmechanismus, der entweder versagt oder der abgewiesen wird, weil er – richtig – als Verrat an der höchsten Fähigkeit des Ichs empfunden wird.
«Dass Norwegen einen Existentialphilosophen hervorgebracht hat, der hinsichtlich Mut, Poesie, philosophischer Tiefe und literarischer Vielseitigkeit in die Nähe von Camus oder Sartre gestellt werden kann, ist leider viel zu wenig bekannt.»
Otto Møller in «Information Philosophie» 1969
«Peter Wessel Peter Wessel Zapffe gehört zweifelsohne zu den originellsten philosophischen Denkern dieses Jahrhunderts …»
Jan Brage Gundersen 1983 im Vorwort zur ersten Neuauflage von «Über das Tragische»
«…bedeutende Philosophen sind immer auch hervorragende Stilisten gewesen… Die Angst, der Schmerz und der Ekel vor unserer irdischen Freiheitshölle kommen bei Peter Wessel Zapffe glühender und erhabener zum Ausdruck als bei jedem anderen mir bekannten norwegischen Prosaisten…»
Jens Bjørneboe in «Spektrum» 1951
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