Lesen Sie den Prolog in Prosa
Wer lange genug in den wechselnden Gefilden umhergestreift ist, die das Imperium Henrik Ibsens umgeben, der wird dann und wann gewissen wunderlichen Geschöpfen begegnet sein, die sich entweder auf dem Weg nach dem Reich des grossen Geistes befanden oder nach getanen Diensten von dorther zurückkamen. Manche waren tot oder nur halbwegs inkarniert; sie ähnelten Schlafwandlern und beantworteten unseren verständnisvollen Gruss mit stummem Nicken.
Nach und nach reifte der Plan, einige dieser seltsamen Gestalten zusammenzuführen und sie ihre Gedanken austauschen zu lassen, entweder bevor oder nachdem der Dichter, der allmächtige Gott ihrer Welt, ihnen das Leben ein- oder ausgeblasen hatte.
Nichts erschien als Versammlungsort besser geeignet, als Doktor Wangels Haus am Lysangerfjord, wo das Dasein wechselt zwischen Einsamkeit und Kontakt mit der Stadt.
Nach einer schriftlichen Anfrage beim Bezirksarzt, der mit Freude sein Haus zu Verfügung stellte, wandte sich der Initiator des Vorhabens an den Verleger und den Bühnenchef. Das Komitee begab sich unverzüglich nach Lysanger droben im Norden, um die Verhältnisse in Augenschein zu nehmen. Hier gingen wir zu Peder Snemyr an Bord, der mit Fisch am Kai lag und uns für eine bescheidene Summe die paar Meilen den Fjord hinaus zu unserem Bestimmungsort frachtete.
Das Haus des Doktors befand sich in schöner Lage neben der weissgemalten Kirche, deren Turm noch von Baugerüsten umgeben war, und es hatte einen Garten, der bis zum Strand hinunter reichte, nur von einem Fusspfad durchquert. In dem hellen, geräumigen Wintergarten, in dem seinerzeit Doktor Wangels Vater die lebhafte Verlobungsfeier für Agnes und Ejnar arrangiert hatte, wurden wir überschwenglich empfangen, und der Doktor erklärte sich einverstanden, für einen Tag die Gastgeberrolle zu übernehmen – mehr war mit seiner ärztlichen Praxis nicht vereinbar. Dabei gab er seinem Bedauern Ausdruck, dass es ihm nicht möglich sei, die Gäste so zu bewirten, wie er es eigentlich wünschte; seine Ökonomie lasse das nicht zu und ausserdem wohne er zur Zeit allein mit seiner minderjährigen Tochter und einer ihm noch unbekannten Hausgehilfin. Wir beruhigten ihn damit, dass niemand käme nur um zu speisen, sondern um gewisse Lebensfragmente suppletorisch zu realisieren.
Wir einigten uns auch betreffs einiger geringfügiger Veränderungen, die mit dem Zaun, der Fahnenstange und der Verandatreppe vorgenommen werden mussten, für die wir selbstverständlich aufkommen wollten, samt einem Reichstaler oder zweien für die ausserordentlichen Bemühungen der Jungfer und des Faktotums des Hauses.
Die Arbeiten beanspruchten leider mehr Zeit als berechnet, weil die lokalen Kräfte mit Restaurierungsarbeiten an der Kirche und der Ausschmückung des Gymnastiksaals der Schule beschäftigt waren. Doch Mitte September war alles soweit und die ersten formellen Einladungskarten konnten an eine Mehrheit der Bewohner des Imperiums verschickt werden. Nicht an alle; nur an jene, von denen man annahm, sie hätten das Bedürfnis, ihr Schicksal mit einer kurzen Reinkarnation vervollkommnen zu müssen. Und selbst unter diesen gab es einige, die sich weigerten, als sie hörten, wo die Zusammenkunft stattfinden solle, weil ihnen das Milieu fremd und gezwungen erschien. Nur diejenigen, die selbst in der Provinz, in der Nähe von Kleinstädten gewohnt hatten, fanden es sinnvoll zu erscheinen. Und sogar diese bejahten mit teils mehr oder weniger Begeisterung; sie wollten nicht unbedingt allen wieder begegnen. Besonders diejenigen, die auf den Seeweg angewiesen waren, bedingten sich gutes und ruhiges Reisewetter, und es galt die allgemeine Voraussetzung, dass keinerlei Konflikte oder Intrigen zwischen ihnen zugelassen seien; davon hatte ein jeder von ihnen, als er noch auf der Bühne stand, genug erlebt.
Als wir so weit gekommen waren und das Unternehmen schon auf dem Trockenen wähnten, vernahmen wir ein drohendes Räuspern aus dem Inneren des Reichs. Es klang wie gedämpftes Donnergrollen. Und plötzlich fuhr in uns als lähmender Schrecken die Erkenntnis, dass wir die Rechnung ohne den Wirt im eigentlichen Sinne gemacht hatten. Sie waren ja Eigentum eines anderen, alle jene, die wir auf eigene Faust einberufen hatten – ohne ausdrückliches Einverständnis konnten wir nicht über sie verfügen! Es blieb uns nichts anderes übrig, als um ein Visum im Parnassos nachzusuchen, wo ihr Allvater in einer der drei Fürstensuiten residierte, mit Shakespeare auf der anderen Seite des Korridors. Die dritte stand leer, weil man sich nicht einigen konnte, wer sie bewohnen sollte.
Klopfenden Herzens und gesenkten Blickes traten wir vor das Antlitz des Meisters, um ihn um die Zustimmung zu einer lizensierten Aufführung zu bitten. Im Audienzsaal sass er lange, ohne einen Laut von sich zu geben, mürrisch und steifrückig in seinem hochlehnigen Stuhl. Schliesslich gab er ein schroffes Brummen von sich, das sowohl Zustimmung wie Verärgerung bedeuten konnte. Wir wussten, dass er einen Plan verlangte und Ordnung in den Details, entsprechend demütig waren die Fragen, die wir stellten: «Darf er genau hier hereinkommen – oder abtreten?» «Darf sie es auf diese Weise sagen?» Bei solchen Fragen kam sein Brummen.
Nur ein einziges Mal kam ein protestierendes Schnauben; das war, als Ellida trotz allem abreiste. Aber da führten wir eine Reihe grosser Rezensenten und moderner Psychologen ins Feld, die wir draussen in Bereitschaft gehalten hatten. Die stellten sich im Halbkreis vor ihm auf und sahen ihn, wortlos, lange an. Es dauerte und dauerte, und die Spannung wurde schier unerträglich, doch schliesslich glätteten sich die verurteilenden Falten seiner Stirn und wurden abgelöst durch das seltene, teure Lächeln, das Werenskiold aus dem Gedächtnis in seiner Zeichnung festgehalten hat.
«Also, gut», brummte er unter dem Bart hervor. «Sie haben Ihre Freiheit. Aber in eigener Verantwortung.»
Und wir waren uns unserer Verantwortung voll bewusst. Es ging um Menschen, die er selbst geschaffen und deren schicksalsträchtige Schritte er mit unfehlbarer Hand gesteuert hatte. Die wir als Lehen bekommen hatten, sie waren sein persönliches Eigentum, seine Leibeigenen mit Haut und Haar, er war Herr über ihr Leben und ihren Tod. Und wer sich anmasst mit ihnen zu verkehren, sei es auch nur für kurze Zeit, der kann das nur als demütiger Lehrling des Meisters tun und muss seine aufdringliche Identität verbergen hinter dem Pysodoneum
Ib Henriksen
Und hiermit kann Ballested die Fahne hissen und weit öffnen sich die Türen.
|